Hudewald

 

Hudewald

 

Die Waldweide gehört zu den ältesten Bewirtschaftungsformen des Waldes. Die Anfänge fallen nach KAULEN in die Zeit der Seßhaftwerdung des Menschen in der Jungsteinzeit vor etwa 5.000 Jahren. Also kann der Euzenberg, wie schon mal erwähnt, aufgrund der jung-steinzeitlichen Funde hier, zu dieser Zeit als Hudewald genutzt worden sein. Neben dem Ackerbau betrieb der Mensch auch immer schon Viehzucht. Die Waldhude hatte nach KONOLD durch ihren das Waldland auflichtenden Charakter eine Siedlungs- und Ackerfläche vorbereitende Funktion. Gewöhnlich wurden die Siedlungen und Ackerflächen in ehemaligen Hudeflächen ausgeweitet, da große Rodungen mit den damaligen Hilfsmitteln sehr aufwendig waren. In diese Zeit fallen auch, wie bereits zu Anfang aufgezeigt, die ersten Getreidepollenfunde und ein Anstieg der Haselpollen, dessen Strauch wärme- und lichtbedürftig ist und die Siedlungstätigkeit in diesem Gebiet nachweist.

 

 
 

 


Während des Mittelalters erzeugten die bäuerlichen Betriebe nach HASEL wenig Futtermittel. Die Brache reichte für die Ernährung der großen Viehherden nicht aus, weshalb man viele Jh. unbedingt auf die Waldweide angewiesen war. Die Waldweide hatte nach KAULEN einen bedeutenden Einfluß auf das Erscheinungsbild Mitteleuropas bis hin zur Entstehung der modernen Forstwirtschaft. Von der einst nahezu geschlossenen Waldbedeckung war Ende des 18. Jh. kaum noch etwas im Urzustand. Die noch vorhandenen Wälder würden aus heutiger Sicht kaum so bezeichnet werden, sie waren in äußerst schlechtem Zustand und erinnerten oft bestenfalls nur an eine schlecht gepflegte Parklandschaft oder waren ganz verschwunden. Ein wichtiger Einflußfaktor hierauf war die Waldweide, die auch in der Rosenthaler Erbschaft betrieben wurde.

 

Die Waldweide umfaßt nach MANTEL die Grasweide und die Laubweide im Wald mit Rindvieh, Schafen, Ziegen, Pferden, Eseln usw. Neben der Futtergewinnung durch das Vieh selbst steht die Laubnutzung durch den Menschen für Futterzwecke. Auch die Streugewinnung gehört in den Komplex der Viehversorgung durch den Wald, die sicherlich auch bei der Rosenthaler Erbschaft betrieben wurde. Mit der Bienenweide erhält man einen umfassenden Überblick über die Lebensnotwendigkeit der Waldweide zur Lieferung von Fett, Fleisch, Milch und Honig.

 

 

Das Vieh überwinterte in Ställen und wurde im Frühjahr ausgetrieben. Die Hirten oder Bauern führten es meist nicht auf die Wiesen, da sie hauptsächlich zur Heuernte (Winterfutter) benötigt  wurden, sondern eher in den Hudewald,  den Teil, der dazu freigegeben war. War die Schweinemast Herbst- und Winterweide, so erfolgte nach HASEL die Waldweide mit Großvieh, wie Rindern und Pferden nur in der wärmeren Jahreszeit. Dabei darf man sich den damaligen Wald nicht wie den heutzutage üblichen Hochwald vorstellen. Die Bäume des Hudewaldes waren sehr viel weitständiger und die Krautschicht üppiger besetzt.

 

Aufgaben der Hirten war es, die Herde am Betreten der nicht berechtigten Waldteile und der Äcker zu hindern. Nach Einbringung des Heus wurden im Juli nach HASEL auch die Privatwiesen genutzt, genau so wie abgeerntete Ackerflächen (Stoppelweide) und Brachfelder (Brachweide). Wenn die Schweine zur Mast getrieben wurden, dann war das Vieh gewöhnlich nicht mehr darin.

 


 

Hier sehen wir die Einnahmen durch unbefugtes Hüten von Schafen. Auch im Bericht des von WAGENHOFF zitierten hannoverschen Forstmeisters Fleischmann vom Jahre 1816 finden wir einen Eintrag über Schafe im Wald:

 

„Die Viehtrifft, an der der Schonungsgraben, Vorschlag Nro 2 gemacht werden soll, liegt fast eine halbe Stunde lang quer durch die Forst, zwischen dem Niederwalde. Schaafe und Rindvieh ziehen täglich über dieselbe, (...)“ (WAGENHOFF, 1990).

 


 

Auch Schafe können am Jungwuchs großen Schaden anrichten. Nach HASEL finden sich deshalb schon im 12. Jh. Verbote. Merkantilistische Interessen haben die Schäferei im Wald entgegen sonstigem Verhalten gefördert, um der aufkommenden Tuchindustrie den Bezug des Rohstoffes zu sichern. Die Schafe sind nach LINDNER für den Forstbetrieb am schädlichsten, allein schon deshalb, weil so unwahrscheinlich große Herden gehalten wurden.

 

Nach MANTEL haben manche Länder sehr strenge Verbote der Ziegenweide erlassen. Beispielsweise droht die Braunschweig-Lüneburgische FO von 1575 (für Harzer Communionsforste), in deren Machtbereich sich auch die Rosenthaler Erbschaft befand, mit dem Verlust der Weidetiere und die Braunschweiger FO von 1692, die nach vorhergehender Warnung „todtschießen“ vorsah, was auch alte Berichte dieser Zeit belegen.

 

Mit dem Anwachsen der Bevölkerung im 17. und 18. Jh. wurde nach WAGENHOFF die Versorgung immer schwieriger und der Wald überlastet. Zwei Gründe trugen dazu im wesentlichen bei: Weideberechtigung und die Überforderung.

 

Eine Maßnahme zur Verhinderung von Schäden am Jungwuchs lag in der Einfriedung der Schläge, um dem Stockausschlag die Gelegenheit zu geben, dem Vieh aus dem Äser zu wachsen. 


Auswirkungen:

 

Der Schaden durch Rindviehweide wirkte sich nach MANTEL  meist erst bei einer fortgesetzten Weidenutzung in einer Änderung des Waldbestandes aus. Das Rindvieh weidete im Wald vor allem die Blätter und Knospen der Bäume und den Jungwuchs ab, z.T. auch die Rinde. Das Vieh verlichtete dadurch den Wald und förderte die Ausbreitung von waldschädlichen, weidefesten Bodenpflanzen. Das führte zur Entstehung lichter Hudewälder, vor allem in der Umgebung von Siedlungen. Die Auswirkung der Pferdeweide war nicht so beträchtlich, da der Eintrieb in der Regel nur mit wenigen Tieren erfolgte. Im 17. Jh., unter Einfluß der Kriege, die auch das Untereichsfeld heimsuchten, war die Pferdeweide sicher häufiger.

 

Der Waldboden litt durch Vieheintrieb immer. Das Tempo der Veränderung ist nach KREMSER aber je nach Standort verschieden. Auf mineralisch kräftigen, gut wasserversorgten, humosen Böden, wie beim Rosenthaler Euzenberg, ist der Schaden am geringsten, die Degeneration am langsamsten. Am schlimmsten ist er auf leichten Sand- und trockenen Torfböden, wo schon der Tritt des Weideviehs genügt, die pflanzliche Bodendecke zu zerstören und zur Devastierung führt (Lüneburger Heide). Je stärker die Schäden, desto geringer wird die Produktivität des Waldes. Die schädlichsten Tiere hierbei sind in wertender Reihenfolge Ziege, Pferd und Schaf, dann kommen Rind und zuletzt das Schwein.

 

Nach KAULEN war im Solling z.B. das Eintreiben von Ziegen in den Wald spätestens seit 1570 bei Strafe verboten. Im Jahre 1588 berichtete der Bergrat Erasmus Reinhold, daß er

„nicht eine einzige junge Eiche, Buche oder Birke im ganzen Solling gesehen, die des Ortes aus dem Kern gewachsen und unverstümmelt war, (...) solches kommt daher, daß der Solling an allen Enden vom Vieh, als Schafen und Rindvieh, betrieben und von den Hirschen und Rehen verbissen wird“ (KAULEN, 1999).

 

Für die Mitte des 18. Jh. gibt WÖBSE die Zahlen des in den Solling getriebenen Weideviehs an: 9.365 Stück Hornvieh, 1.225 Pferde, 24.394 Schafe und 119 Ziegen. Die Bedeutung der Waldweide ist hieraus deutlich zu erkennen. Für die hannoverschen Flächen entstand daraus eine Blöße von 250 ha. In den Plesseforsten waren auf 5.000 Morgen Wald 2.000 Schafe und 500 Kühe zur Weide getrieben worden und führten nach WAGENHOFF zu einer großen Belastung. Das führte zur Ablösung dieser Weiderechte in der zweiten Hälfte des 19. Jh., die unter der zunehmenden Holznot noch forciert wurde. Bis zum Rezeß vom 3. 11. 1885 sind alle den Wald belastenden Rechte in diesen Forsten abgelöst worden.

 

So entstand eine klare Trennung von Wald- und Grünland. Es wurde Kartoffel-, Rüben- und Kleeanbau eingeführt, sowie die Bewirtschaftung der Wiesen intensiviert, was eine Stallhaltung bei steigenden Erträgen, besonders seit der Einführung von Kunstdünger, ermöglichte. Heute noch vorhandene Hudeflächen, wie das Borkener Paradies bei Meppen oder der Neuenburger Urwald, stehen unter Naturschutz und bedürfen z. T. einer intensiven Pflege.