Besiedlung unserer Heimat

 

Die Pollendiagramme belegen eine Siedlungskontinuität für unseren Raum von der Jungsteinzeit (4.000 v. Chr.) bis in die römische Eisenzeit. Eine Kontinuität bis zur Gegenwart ist aber nach LINDNER unwahrscheinlich. Um 400 n. Chr. sinkt die Kurve der Nichtbaumpollen einschließlich der Getreidepollen, wogegen die Baumpollendichte stark ansteigt, besonders diejenigen der  Hainbuche. Das bedeutet, daß der Ackerbau anscheinend eingestellt wurde und der Wald sich wieder ausbreiten konnte. Die archäologischen Funde sind spärlich und enden mit der jüngeren römischen Kaiserzeit, setzen dann erst wieder in der Merowingerzeit ein, die sich in der Völkerwanderungsepoche befindet (LINDNER, 1969). DAHN nimmt an, daß sich die Germanen etwa zwischen 800 u. 700 v. Chr. an der Weichsel, Oder und Elbe, von den Quellen bis an die Mündungen ausgebreitet hatten.

 

Das Untersuchungsgebiet lag, wie auch noch später im Mittelalter, im Grenzgebiet der verschiedenen Völkergruppen, den Chatten (den späteren Hessen), den Hermunduren (den späteren Thüringern) und den Cheruskern. 

 

Die Hermunduren „reichten im N bis an den NW-Harz und die Cherusker, im SO bis an die Sudeten und die Markomannen, (...) im NW bis nach Würzburg an die Werra und die Chatten, (...)“ (DAHN, 1899). Die Grenze der Cherusker soll nach STEINFATH bis zur Leine gereicht haben und war sicherlich keine absolut feste. Zu den Cheruskern schreibt er, daß sie mit den Sueben (d. h. Chatten) unaufhörlich im Hader lagen, „so alt ist der Haß und Streit niederdeutscher und oberdeutscher Stammesart!“

 

Sie unterhielten nach DAHN von allen Germanen die freundlichsten Beziehungen zu Rom und kamen so auch durch umfangreichen Handel bis nach Augsburg ins römische Reich. (Vielleicht liegen hier schon die Wurzeln für die späteren Handelsbeziehungen und der Handelskraft von Duderstadt.)

 

Die Chatten lagen also in einem konfliktreichen Gebiet und waren dadurch des öfteren in Bewegung, so auch, als sie vor „Cäsars drohendem Angriff (58-55 v. Chr.) ihr Gebiet räumend in den Wald Bakenis, d. h. den Harz wichen“ (DAHN, 1899) Caesar (um 50 v. Chr.) beschreibt den Hercynischen Wald beispielsweise so groß, „daß es keinen in Germanien gäbe, der sagen könnte, er sei jemals bis ans Ende dieses Waldes gelangt, auch wenn er 60 Tage lang voraus marschierte“ (CAESAR, De Bello Gallico, lib. VI, 25).

 

Wie der Wald zu dieser Zeit aussah verdanken wir den Berichten von Tacitus am Ende des ersten Jh. Er beschrieb die riesigen Urwälder und das für einen Römer so gespenstig wirkende Land als „terra aut silvis horrida aut paludibis foeda“. Er spricht von „schaurigen Wäldern und abscheulichen Sümpfen“. Im gleichen Zusammenhang bezeichnet er das Land aber als „satis ferax“ und „pecorum fecunda“, als „fruchtbar für Getreide“ und „reich an Vieh“, was eine reine Waldwildnis ausschließt. Die besseren Böden trugen lichten Eichenwald mit Buche vermischt, die leichteren Böden waren von Eichen-Birkenwald bestockt. Die zwischen den Siedlungen gelegenen Waldungen waren urwaldartig. Die den Siedlungen näher liegenden Waldteile waren durch Viehweide und Holzeinschlag gelichtet, wobei das Maß der Auflichtung mit der Entfernung abnahm (HASEL, 1985).

 

Diese Ansicht HASELS entspricht nicht mehr dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft und sollte an dieser Stelle dieser Arbeit revidiert werden. Nach KREMSER beweist die archäologische Forschung, daß die Knochen in den ausgegrabenen Siedlungen zum größten Teil vom Rind stammten, danach vom Schwein. Wildknochen machten nur 3 - 4 % der Gesamtmenge aus. Das Schwein wird häufiger, je größer die Vorkommen von Eichenwäldern zu vermuten sind. Zu Anfang unserer Zeitrechnung war das Klima, wie im vorangegangen Text erwähnt, noch wärmer als heute und ließ nach BURSCHEL und HUSS die wärme- und trockenheitsverträgliche Trauben-Eiche mit zunehmenden Niederschlägen etwas abnehmen, die Buche einwandern und bot genug Mast für die Viehhaltung.

 

Nach STRABON waren die vergleichbaren Schweineherden der Gallier z.B. so groß, daß sie „mit ihrem eingesalzenen Fleisch nicht bloß Rom, sondern fast ganz Italien versorgen konnten. (...) Die Schweine bleiben (im Winter) draußen und zeichnen sich durch Höhe, Stärke und Schnelligkeit aus. Die Gefahr, wenn man sich ihnen unversehens nähert, ist so groß wie bei einem Wolf.“ Die damaligen „Hausschweine“ hatten wahrscheinlich Ähnlichkeit mit den Wildschweinen, wenn es nicht sogar noch solche gewesen sind.

 

Nach KREMSER mußte die Haltung so großer Rinder- und Schweineherden sehr große Waldflächen für den Weidebetrieb beansprucht haben. Von ungestörter Waldentwicklung in Niedersachsen konnte nicht mehr die Rede sein. Unbesiedelt und vielleicht im Urzustand blieben allenfalls noch die Mittelgebirge. Auch neueste Funde der aktuellen Forschung zur Varusschlacht am Kalkrieser sprechen für abwechslungsreiche offene Kulturlandschaften in diesem Raum  (POTT, et al). Die relative Überbevölkerung des freigermanischen Raumes war zweifellos die entscheidende Ursache der Völkerwanderungszeit.

 

Während der jüngeren römischen Kaiserzeit begann im freien Germanien ein Wüstungsprozeß dem auch unser Landstrich der Rosenthaler Erbschaft zum Opfer gefallen ist, da man für diese Zeit kaum noch NBP in der Pollenanalyse feststellen konnte und die Getreidepollen fast vollständig verschwanden. Vorher vorhandene Ackerflächen wurden wieder bewaldet und Siedlungen aufgegeben, die Ursache hierfür ist nach HASEL nicht bekannt.

 

 

Ursachen:

 

Zum einen ist zu erwähnen, daß sich der Untersuchungsraum in einem germanischen Grenzgebiet befand, wo es immer wieder zu Konflikten kam. Die Germanen waren immer darauf bedacht, um ihre Häuser herum eine größere Lichtung zu schaffen, um herannahende Feinde frühzeitig zu erkennen. In Bezug auf die Gefahr von Konflikten im Grenzgebiet werden die hier Ansässigen wahrscheinlich weiter ins Innere ihres Landes gezogen sein, um sich einen sicheren Raum zu schaffen und im Streben zu mehr Sicherheit und Stärke den größeren Zusammenschluß zu mächtigeren Dorfgemeinschaften und Gauen gesucht haben. Nach WOLF-LÖFFLER war das Gebiet der Sachsen um 700 n. Chr. in 80 Gaue eingeteilt, wobei das Gebiet um Duderstadt einen separaten Kleingau bildete. Diese Zeit ist geschichtlich von diesem Bestreben durch Ausdehnung der einzelnen germanischen Völkerschaften gekennzeichnet. Die römische Grenze des Limes wurde von diesen expandierenden Massen überschritten und der bevorstehende Untergang des Röm. Reiches eingeleitet.

 

Im Jahre 392 n. Chr. gelangten allemannische Scharen über die Alpen bei Splügen am Kleinen Bernhard. Die Hunnen und Vandalen fielen in Europa ein, was wohl auch zu einem verstärkten Zusammenschluß der germanischen Volksstämme geführt haben wird und zu dem Bedürfnis, in größeren Dörfern oder in Fliehburgen im Schutz der Gemeinschaft diesem Ansturm standzuhalten. DAHN schreibt dazu, daß dieses 5. Jh. furchtbar begann für das alternde Westreich. Selbst in solchen Provinzen, wohin Krieg und Raubfahrt nicht gedrungen waren, herrschte Verödung und Verarmung. Dem Zug der Vandalen und Alanen aus Pannonien hatten sich auch suebische Gaue (oder Völkerschaften) nach DAHN angeschlossen. In der Neujahrsnacht von 405 auf 406 überschritten diese den wahrscheinlich gefrorenen Rhein.

 

„Immer mehr wuchs auch damals die Zahl der Hörigen, da sich viele, um Nahrung und Schutz zu erlangen, freiwillig reicheren und angeseheneren Herren unterwarfen. (...), da mit der Bevölkerung der Germanen überhaupt auch die Neigung der Besitzlosen, in römischem Dienst auf römischem Boden ihr Glück zu versuchen, zunahm (f. Cod. Th. XIII, 11,9 und Huschberg S. 408 und 409)“ (DAHN, 1899).

 

Attila zwang alle Germanen, durch deren Länder sein Heer zog, zu vertragsmäßiger Gestattung dieses Durchzuges und wahrscheinlich auch zur Waffenhilfe, vor allem die an Völkerschaften und Gauen reichen Thüringer, die alten Hermunduren, die ganz Mitteldeutschland erfüllten (DAHN, 1899). Es ist also zu erkennen, daß dieses Gebiet mit Sicherheit durch diese Veränderungen in Mitleidenschaft oder zumindest in Aufruhr versetzt worden ist. In der Schlacht am Netad, die nach Attilas Tod das Hunnenjoch zerbrach, werden auch die Sueben unter den Völkern genannt, die ihre Freiheit hier erkämpften. Nach DAHN sollen es Markomannen, Quaden und Thüringer gewesen sein. Am Ende des 5. Jh. sind Thüringer sogar mit anderen Völkerschaften bis in die Gegend von Wien vorgedrungen. Dieses zeigt auf, wie viel Bewegung in die Völker z. Z. des Unterganges des Röm. Reiches gekommen war und ist eine Erklärung für die spärlichen archäologischen und paläobotanischen Funde.

 

Erst mit dem salischen Gaukönig Chlodovech aus merowingischem Geschlecht (DAHN,1899), der sich zum Volkskönig der Franken machte, kehrte langsam Stabilität in Mitteleuropa ein. Dieser unterwarf große Teile Europas, unter den Germanen den größten Teil der Allemannen, der Bayern, der Friesen und der Thüringer. Karl der Große fügte hoch im Norden das Land der Sachsen, im Süden das Reich der Langobarden, im Osten byzantisches Gebiet hinzu und schuf so ein großes Reich und die Voraussetzung für geordnetere Verhältnisse, in der dieser Abriß enden soll.